Hello Freunde!
Ich bin neu hier, war aber damals im alten Forum aktiv und freue mich, dass ich dieses hier nun gefunden habe. Ich starte direkt mal mit einem kontroversen Thema, dass mich gerade umtreibt. Dazu kurzes Vorgeplänkel, damit man besser versteht, was ich meine:
Ich habe letztens erschrocken festgestellt, dass ich seit fast 20 Jahren "surfe". Ich habe mit knapp 20 im ersten Semester an der Uni ganz klassisch in Frankreich angefangen und jetzt wurde ich letztens 40. Ich habe in fast diesen gesamten 20 Jahren alles, so sehr es als Deutscher eben ging ohne auszuwandern, aufs Surfen ausgerichtet. Als Studi in Surfcamps gearbeitet und möglichst viel der Ferien in Frankreich/Spanien/Portugal verbracht, zwischen Abschnitten wie Uni-Ende und Jobbeginn versucht mehrmonatige Surfzeiten einzubauen und natürlich jeden einzelnen Tag Urlaub irgendwo verbracht, wo man Surfen kann. Leider habe ich es aber nie geschafft, länger als 3 Monate am Stück zu Surfen. Insgesamt habe ich in diesen 20 Jahren trotzdem sicherlich den Gegenwert eines Mittelklasseneuwagens ausgegeben...vermutlich auch mehr. Nun hatte ich die Gelegenheit zwischen zwei Jobs tatsächlich ein Jahr lang Surfen zu gehen - mit Zeit und Grownup-Money. Ich war ein paar Monate auf Indo (Bali, Java, Lombok, Sumatra), ich war in Australien und bin jetzt in Neuseeland in Monat 9. In 3 Monaten geht es nach Hause und in den neuen Job. Dieser Trip ist auch der erste, bei dem ich ab und zu gefilmt wurde und obwohl ich eigentlich dachte, dass ich mittlerweile nicht schlecht surfe, haben die Videoaufnahmen - gerade vom Anfang aus den ersten 2 Monaten - mir das Gegenteil bewiesen: ich bin ein Kook. Also jetzt nicht unbedingt "fällt von Softtop ins Weißwasser oder rutscht Grüne Welle geradeaus runter", aber "Turns sehen aus wie verkrüppelte Zeitlupe" und allgemein einfach...naja, schwer zu beschreiben, es sah einfach nicht so aus, wie bei den anderen Lonboardern im Wasser. Kürzere Bretter hab ich schon vor 5 Jahren aufgegeben.
In den letzten Monaten habe ich zwar gute Fortschritte gemacht und cringe mittlerweile nicht mehr, wenn ich Videos von mir sehe. Ich bin wohl so langsam das, was man in Australien einen Intermediate nennen würde. Aber von meinem Ziel für dieses Jahr endlich ordentlich Noseriden zu können, bin ich meilenweit entfernt und werde es wohl auch nicht erreichen. Kein Wunder: wenn ich mich mit Surffreunden in Australien oder hier in NZ unterhalten habe, dann sagten die meisten, dass sie so 2-3 Jahre gebraucht haben, bis sie zuverlässig noseriden und sicher crosssteppen konnten. 2-3 Jahre, mit 3-4 Surfsessiosn pro Woche wohlgemerkt. Also deutlich mehr, als jeder deutsche Surfer, der nicht gerade auswandert (oder neuerdings in München wohnt und 1000+ EUR im Monat ausgibt), in seinem Leben surfen wird. Dasselbe sagt man über vernünftige Cutbacks, wobei viele auch der Meinung sind, dass ein sauberer Roundhouse auch nach 5-10 Jahren nur bei den wenigsten wirklich sitzt. Allgemein ist, was ich aus unzähligen Gesprächen mitgenommen habe, dass man in "echten" Surfländern eigentlich locker die ersten 3 Jahre mehr oder weniger als Beginner gilt - und wenn ich mir die Leute im Lineup ansehe, dann stimmt das auch. Da erkennt man auch die Deutschen (oder andere typische landlocked Surfer) ziemlich schnell und zuverlässig. Überhaupt scheint der Konsens unter vielen Surfern zu sein, dass man ohne regelmäßiges Surfen schlichtweg nie wirklich surfen können wird. Also eine Zeitrahmen, der länger ist, als die meisten Deutschen in ihrem Leben surfen - und das unter der Voraussetzung, dass man die ganze Jahre konsequent dranbleibt und nicht mal eben hier und da n halbes Jahr Pause macht.
Kurzum: Jetzt, wo ich so laaaangsam das Gefühl habe bzw. den Videobeweis habe so ganz ein bisschen in Richtung einigermaßen "okayisch" zu Surfen komme, ist der Spaß auch wieder vorbei. Ich werde im April wieder im Büro in Norddeutschland hocken. Dann kann ich zwar vermutlich immer noch häufiger Surfen als die meisten, weil ich zumindest 1 Monat im Jahr in Spanien an der Nordküste arbeiten kann und immerhin "nur" 5 Stunden von den guten Dänemark Spots weg bin UND das große Glück habe einen relativ gut bezahlten Job zu haben, sodass ich zumindest 6 Wochen im Jahr dort verbringen kann, wo ich will. Aber alles in allem werde ich trotzdem in absehbarer Zukunft keine 3 Monate im Jahr Surfen können - mit jeweils monatelangen Pausen dazwischen. Ausgehend von den letzten 20 Jahren Erfahrung, war es das dann auch im Wesentlichen mit Fortschritten und ich kann froh sein, wenn ich mich nicht wieder zurückentwickle und die Fortschritte des letzten Jahres verliere. Ich sehe auch keinen großen Auswegen außer: Wirklich alles über den Haufen werfen und auswandern, was mit meiner Qualifikation aber nicht so einfach ist ODER dass der verdammte Wellenpark in Stade wirklich mal gebaut wird (woran ich aber noch meine Zweifel habe). Wenn das Ding stehen würde, könnte ich tatsächlich jede Woche 2 Mal Surfen und wäre glücklich bzw. hätte eine Perspektive, aber leider bin ich bislang nicht allzu optimistisch. Nach München ziehen wäre vielleicht eine Option, aber das ist quasi Auswandern für mich, also selbe issues, Familie und Freunde wären sehr weit weg.
Tja, was will ich damit sagen? Keine Ahnung, vielleicht einfach ein kleiner Rant weil dieses geile Jahr ohne Arbeit und 100% Surfen bald vorbei ist. Vielleicht eine Midlife Crisis, weil man auf einmal einfach 40 ist (wtf wann ist das passiert, ich war gestern noch Ersti?). Vielleicht auch Enttäuschung, weil man (surprise) halt auch in einem Jahr Surfen nicht das Niveau erreichen wird, das Leute haben, die seit 5+ Jahren mehrmals die Woche im Wasser sind. Aber vielleicht hattet ihr auch schon mal solche Gedanken? So eine Realisation im Sinne von: Oh, nochmal diese Zeit und ich bin 60. Ich werde vermutlich niemals "gut" Surfen. Vermutlich (oder eher sicher) nicht mal durchschnittlich nach "australischem" Standard. Ich weiß nicht, manchmal denke ich einfach, dass wenn ich all das gewusst hätte, was ich heute weiß, dass man nämlich als Deutscher in 99% der Fälle nie ordentlich surfen können wird, dass ich es damals vielleicht einfach gelassen hätte. Oder zumindest 2 Auslandssemester am Stück mit Anfang 20 eingeschoben hätte.
Happy to discuss 🙂